Freitag, 5. Juni 2015

"Wenn dir etwas Angst macht, solltest du es erst recht versuchen"

Da diese Woche nicht besonders viel passiert ist und ich nur noch zwei weitere Einträge plane (einen übers packen und die letzten Tage und dann einen über das Verabschieden, den Flug und die ersten Tage in Germany) habe ich mir gedacht, es ist Zeit für einen sentimentalen Abschluss und Rückblick meines Austauschjahres. 

Heute sind es genau 296 Tage die ich hier lebe. 296 Tage voller Abenteuer, Erlebnisse, Ängste und schöner Momente. Viel ist passiert. Viel über das ich in letzter Zeit nachdenke. 
Ich weiß noch wie alles angefangen hat: damals hatte ich keine Ahnung wie GROß das hier werden würde. Ja klar es ist etwas besonderes in einem anderes Land zu leben, aber es ist viel mehr. Es ist eine andere Welt, ein anderes Leben. Und das beste: ich darf es behalten, zumindest in meinen Erinnerungen.
Damals, als noch nicht mal feststand in welches Land ich gehen würde. Damals als noch nicht mal feststand ob ich überhaupt den Mut dazu hatte. Damals, als andere sagten "das macht die doch eh nicht" oder damals, als ich dann stolz die Vertragsunterlagen zum Briefkasten getragen habe. Ich hatte keine Ahnung was auf mich zu kommen würde, ein Abenteuer. Ein Abenteuer in das ich einfach hineingeschmissen wurde. Ich erinnere mich noch als ich meine Mama trösten wollte und gesagt hab "Die nehmen mich doch eh nicht" und doch hab ich dann unterschrieben. Der Tag an dem ich das Auswahlgespräch in Leipzig hatte - ich war so aufgeregt und hatte Angst einen schlechten Eindruck zu machen, und doch war ich fasziniert von den ersten Geschichten die mir ehemalige ATS erzählten, es sollten noch viele Geschichten hinzukommen. Ich erinnere mich noch an meine VBT die "beste Woche meines Lebens!" Wie ich damals gesagt habe, und ich bin immer noch dieser Meinung. Ich traf die tollsten Menschen - ich stehe immer noch im Kontakt mit Ihnen. Ich hörte die faszinierendsten Geschichten - heute kann ich selbst eine erzählen. Ich hatte den größten Spaß und hab so vieles gelernt. Ich erinnere mich an den Tag an dem meine Schwester, meine Mama und ich am Computer saßen und die Visa Unterlagen ausgefüllt haben - was für ein Aufwand. 
Oder den Tag an dem ich im strömenden Regen vor dem Konsulat in Berlin stand und Angst hatte dass die Leute gemein zu mir sind obwohl sie die liebsten und lustigsten Behörden waren die ich je gesehen habe. Ich erinnere mich an all die Tage an denen ich hoffnungsvoll in den Briefkasten geguckt habe und an all die Briefe die ich aufgeregt aufgerissen habe. Ich erinnere mich daran wie ich mir extra in Englisch Mühe gegeben habe oder wie ich mir stundenlang all die Staaten angesehen habe in denen ich vielleicht leben würde. Ich erinnere mich noch wie plötzlich die Angst kam als mein Flugtermin verlegt wurde. Wie glücklich ich war die erste Antwort meiner Gastfamilie zu bekommen. Und wie stressig das packen war. Ich erinnere mich noch an jede Träne die ich geweint habe, an jedes Lächeln das ich erwidert habe obwohl ich Angst hatte. Ich erinnere mich noch an jeden Ratschlag den ich bekommen habe (die meisten waren übrigens unnötig), und an jedes Geschenk. Ich erinnere mich noch wie ich in meinem Bett lag und gedacht habe "Morgen geht es los, das ist die letzte Nacht zu Hause" und wie ich ängstlich und doch so aufgeregt dann in Dresden stand. Wie gerne ich wieder umgedreht wäre und zurück nach Hause. Aber es ging nicht. Es gab kein Zurück. Ich erinnere mich wie ich das One-Way-Ticket bekam und natürlich auch wie ich ein letztes Mal "Auf Wiedersehen" zu meiner Familie gesagt habe. 
An den Flug erinnere ich mich kaum noch. Ich weiß dass ich 3 mal den selben Film geguckt habe (ziemlich beste Freunde und noch irgendein Film mit Matthias Schweighöfer). Aber ich erinnere mich noch als meine Gastfamilie mich abgeholt haben, wie ängstlich ich war, dass ich kaum ein Wort verstanden habe, wie ich in Gedanken wieder zurück wollte und wie ich gedacht habe "das ist dein neues zu Hause".
Ich erinnere mich zurück an die ersten Tage, an die ersten Tage in der High School und an die ersten Leute die ich getroffen habe. Ich wollte jeden Tag weinen, ich hatte Heimweh und Angst. Ich wollte nicht hier bleiben. Ich erinnere mich noch wie ich alle Wörter im Unterricht übersetzen musste - heute höre ich nicht mal mehr zu. Ich erinnere mich wie ich mit den Lehrern geredet habe weil ich nicht sicher war ob ich es richtig verstanden habe. Ich erinnere mich noch an die ersten Freunde die ich gefunden hatte. Ich erinnere mich noch an die Feiertage die ich erlebt habe, an die YFU treffen oder an die vielen Blogeinträge die ich geschrieben habe. Ich erinnere mich an die vielen Probleme, Gespräche und Tränen. An jede einzelne Nacht in der ich wach war und nach Hause wollte. Aber auch an jedes Lachen, an jeden schönen Moment. Ich erinnere mich noch wie ich nicht aufhören konnte zu lächeln weil ich so glücklich war. Ein Austauschjahr ist eben wie eine Achterbahn. Nichts kann es besser beschreiben. Man ist so aufgeregt bevor es los geht aber wenn man dann drin sitzt kommen die ersten Sorgen und Ängste. Dann geht es los, hoch und runter, manchmal weiß man gar nicht mehr wo man ist. Und dan ZACK ist es vorbei und man würde sich am liebsten nochmal anstellen. Ich erinnere mich an Thanksgiving oder Weihnachten. An die kalten und warmen Tage. An die vielen Momente wo ich allein war und nur nachgedacht habe. Ich erinnere mich an die Momente die ich mit Freunden verbracht habe oder meiner Gastfamilie. Und dann war plötzlich die Hälfte rum. Und ich hab gedacht "Wow das ging schnell" tja was soll ich jetzt sagen?! Und natürlich erinnere ich mich auch die schwierigste Zeit: Gastfamilienwechsel. Ich erinnere mich wie mutig ich war, dass ich es mir nicht anmerken ließ wie schlecht es mir ging. Wie ich versucht habe es allein zu lösen und erwachsen zu sein. Und das war ich auch. Ich habe ganz allein ein neues zu Hause gefunden. Ganz allein. Ich erinnere mich wie glücklich ich war mein neues Zimmer zu sehen, ich wusste dass es jetzt besser wurde. Wie glücklich ich war hier zu leben, wie ich das Leben geliebt habe. Ich erinnere mich an unsere Reisen, die kleinen und großen. An unseren Road Trip der für mich der Höhepunkt meines ATJ gewesen sein sollte. An den Belo Trip nach NYC, Philly und DC - der wahrscheinlich zweite Höhepunkt. Ich erinnere mich wie meine Eltern kamen - es fühlt sich an wie gestern. Wie glücklich ich war mit beiden Familien meinen Geburtstag feiern zu dürfen. Wie glücklich ich war meinen Eltern "mein neues Leben" zu zeigen und ihnen zu beweisen was ich alles geschafft habe. Ich erinnere mich an jedes einzelne Tennis Game an all die lustigen Momente mit meinem Team. Ich erinnere mich an all die Restaurants die ich mit Megan während der Mittagspause besucht habe und den Blödsinn den ich mit ihr im Unterricht veranstaltet habe. Ich erinnere mich an Prom, und dass es die längste Nacht ever war. 
Und ich erinnere mich auch an die Zeit in der ich nicht nach Deutschland zurück wollte. Wie ich geweint habe weil ich nicht zurück wollte. Ich hatte doch ein neues Leben? Warum musste ich das verlassen? Tja Zeiten ändern sich genau wie Menschen. 
Mittlerweile freue ich mich zurück zu kommen, jedoch freue ich mich nicht auf zu Hause. Denn ein zu Hause gibt es für mich nicht mehr. Ich habe 2. natürlich könnte niemals irgendjemand meine Familie ersetzen (glaubt mir das geht nicht) aber meine Gastfamilie kommt sehr nah an das was man als "Familie" bezeichnet, heran. Genauso wie meine Belo-Familia, die ich schrecklich vermisse. Und Natürlich auch meine große YFU-Familie.

Sie sagten mir damals dass ich nie wieder zu Hause sein werde, aber das ist wert. Es ist es wert, denn ich kenne Menschen auf der ganzen Welt die mich jetzt willkommen heißen und als Freundin bezeichnen. 
Sie sagten, dass ich mich verändern werde, aber auch das ist okay. Denn wie ich finde, zum besseren. Aus solch einer Erfahrung kann man nur wachsen, man kann nur reifer werden. Und natürlich habe ich mich verändert - was ihr sicherlich auch bemerken werdet, denn es wäre ein Wunder wenn ich immer noch die selbe wäre. Das Ding ist: ich werde nicht zurück kommen. Die Person die ihr zu Hause willkommen heißen werdet wird nicht die selbe sein, wie die, von der ihr euch verabschiedet habt. Es war ein Abschied für immer auch wenn ihr das damals noch nicht wusstet. Ich schreibe das nicht weil ich übertreiben will oder so, ich will dass ihr euch das im Klaren seid. NIEMAND wird jemals verstehen was ich erlebt habe. Niemand. Ich habe viel erlebt in diesem Jahr, gutes und schlechtes. Und es hat mich geprägt. Und ich weiß dass ich von keinem verlangen kann mich zu verstehen aber ihr werdet sehen dass ich anders denke. Ich bin selbstständiger, toleranter, offener und mutiger. Ich habe vieles gelernt und natürlich weiß ich auch wie schwierig es werden wird wenn ich zurück gehe. Aber ihr könnt nicht verlangen dass alles so wird wie früher. Ich habe ein ganzes Jahr eures Lebens verpasst, ich weiß nicht was bei euch so los ist, ich weiß nicht was in Deutschland los ist. Ich gehe zurück und doch noch einmal in ein fremdes Land. Ich habe andere Wünsche und Vorstellungen vom Leben. Ich habe andere Erwartungen. 

Aber natürlich werde ich auch unendlich froh sein euch alle wieder zu sehen. Meine Familie zu umarmen, Geschichten zu erzählen. Paula und Flo wieder zu haben. Ich freue mich darauf einen neuen Lebendweg zu gehen, auch wenn ich das alte hinter mir lassen muss. Ich bin aufgeregt euch allen zu berichten und hoffentlich weiter bei YFU aktiv zu sein. Ich freue mich sehr die kleinen Dinge wieder zu haben. Zum Beispiel im eigenen Bett zu schlafen :P ich freue mich darauf Feiertage und Geburtstage mit den Liebsten zu verbringen und ich freue mich sehr darauf neues zu erleben über das ich irgendwann wieder Geschichten erzählen kann. 

Ja 296 Tage sind um, 8 Tage sind übrig. Wie schnell die Zeit doch vergeht. Wie schnell man eine Sprache lernen kann, wie schnell man Freunde und Familie findet. Wie schnell man sich anpassen kann. Ich habe die Erlebnisse und Momente gesammelt um sie bald mit euch zu teilen. 

Noch vor ein paar Monaten wollte ich einfach nur zurück nach Deutschland, heute bin ich mir nicht mal mehr sicher. Rückblickend betrachtet muss ich sagen dass ich jede einzelne Sekunde bereue in der ich zurück wollte. Aber nur dadurch konnte ich lernen nach vorn zu blicken und offen zu sein. 

Ich habe gelernt toleranter zu sein, habe gelernt wie wichtig die kleinen Dinge sind. Ich habe gelernt was Leidenschaft bedeutet und wie man geduldiger ist. Ich habe die großzügigsten Menschen der Welt getroffen und auch weniger Gute und doch haben sie mir alle geholfen zu wachsen. 

Heute würde ich über mein ATJ sagen: "Es war vielleicht nicht das beste und tollste Jahr in meinem Leben, aber ich würde es jeder Zeit wieder tun. Ich bereue nichts."